Europa-Enthusiasmus trifft auf deutschen Pragmatismus


Europabefürworter zu finden ist zwar trotz andauernder Krise noch kein Ding der Unmöglichkeit. Aber etwas Ausschau halten muss man zurzeit in der Regel schon nach ihnen. So hatte sie durchaus etwas Beeindruckendes, die 150-köpfige Delegation junger Pro-Europäer, die sich vom 19. bis zum 23. Januar in Berlin zum Jugendforum des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DJFW) zusammengefunden hatte, um gemeinsam über die Zukunft Europas und die Bedeutung des deutsch-französischen Tandems für den Kontinent zu debattieren.

Am 21. Januar waren die Teilnehmer aus Deutschland und Frankreich, aber auch aus den Balkanstaaten und Nordafrika zum sogenannten Weltcafé zusammengekommen. Im ehemaligen Staatsratsgebäude am Schlossplatz hatten die 18-25-Jährigen dabei einen Nachmittag lang die Möglichkeit, bei einem gemeinsamen Essen mit deutschen und französischen Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft zu diskutieren. Das Prinzip des Weltcafés: Nach jedem Gang wird der Tisch gewechselt, um sich mit einem anderen Experten zu unterhalten. Ein Dolmetscher an jedem Tisch soll dabei helfen, Sprachbarrieren zu überwinden.

Zukunftsmodell Paris-Berlin?

Insgesamt 150 junge Menschen aus Europa und Nordafrika nahmen am Jugendforum des DFJW teil. (c) DFJW/OFAJ: Steffen Weigelt.

Es war eine Chance, die sich auch Johanna und Loïc nicht entgehen ließen. Die Ingoldstädterin hat vergangenes Jahr Abitur gemacht und beginnt im Februar ein Freiwilliges Soziales Jahr in Estland. Sie ist zum ersten Mal bei einer Veranstaltung des DFJW und hofft, dass in Zukunft auch andere Staaten als Deutschland und Frankreich eine Führungsrolle in Europa übernehmen werden. Loïc ist im Gegensatz zu Johanna kein DFJW-Neuling mehr, sondern französischer Jugendbotschafter für die Organisation. Er wünscht sich insgesamt mehr Austausch in Europa – und das nicht nur unter Akademikern. Darüber hinaus hält auch er es für notwendig, die deutsch-französischen Beziehungen auf andere Länder auszuweiten, zum Beispiel durch eine engere Kooperation mit Polen.

Aus Polen – genauer gesagt aus Posen – ist Marcin nach Berlin angereist. Wie Loïc kann er sich vorstellen, dass sein Land das Tandem Paris-Berlin verstärkt. Für Marcin, der bereits sein Studium in Internationalen Beziehungen abgeschlossen hat und derzeit beim Honorarkonsulat in Posen arbeitet, ist vor allem eines wichtig: dass die europäische Einigung und die EU-Erweiterung trotz der aktuellen Schwierigkeiten vorangetrieben werden.

Muad hatte eine wesentlich weitere Anreise als Marcin, denn er ist aus Tanger in Marokko zum Jugendforum nach Berlin gekommen. Er betrachtet die deutsch-französische Freundschaft trotz aller Kritik, die man daran äußern mag, als ein Modell für sein Heimatland. Beeindruckt ist der Marokkaner vor allem von dem regen Dialog zwischen beiden Ländern.

Ähnlich sieht das Kosovare. Für die Studentin aus Priština könnte das Beispiel der ehemaligen Erbfeinde Deutschland und Frankreich auch als Vorbild für eine erfolgreiche Aussöhnung zwischen Serbien und dem Kosovo dienen.

Lammert wenig beeindruckt

Bundestagspräsident Nobert Lammert sprach während des Weltcafés zu den Teilnehmern des Jugendforums. (c) DFJW/OFAJ: Steffen Weigelt.

Den offiziellen Höhepunkt des Weltcafés sollte eigentlich der Besuch von Norbert Lammert bilden. Nach dem Dessert präsentierten die Teilnehmer dem Präsidenten des Bundestages ihre Gesprächsergebnisse. Dazu gehörten etwa Initiativen für eine verstärkte Förderung europäischer Sportereignisse und Fernsehsender. Lammert zeigte sich jedoch wenig beeindruckt von den Vorschlägen, weil sie in seinen Augen nichts beinhalteten, was nicht schon vor zehn Jahren auf der europäischen Tagesordnung gestanden hätte. Auch gäbe es beispielsweise im Rahmen der mehr als 2000 deutsch-französischen Städtepartnerschaften bereits einen regen Austausch zwischen Sportvereinen beider Länder.

Als eine deutsche Teilnehmerin die geplanten Kürzungen bei dem europäischen Mobilitätsprogramm Erasmus kritisierte, erwiderte der Bundestagspräsident pragmatisch, dass vor dem Hintergrund der europäischen Krise nun einmal in vielen Bereichen gespart werden müsse.

Nach Lammerts eher kühlen Schlussworten zog das Jugendforum dann weiter zum Bundeskanzleramt, wo die Teilnehmer Gelegenheit hatten, Angela Merkel und François Hollande zu treffen. Nur schade, dass dieses Privileg ausschließlich der 100-köpfigen Delegation aus Deutschland und Frankreich vorbehalten war.